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Kirche Bellin

Die Kirche ist ein Feldsteinbau aus dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts. Die Dreifachgliederung tritt klar hervor: Der schmalere und quadratische Chor ist in Bellin mit einer Apsis versehen, was selten ist. Ihm schließt sich das breitere, im Grundriß wiederum quadratische Schiff an. Dem folgt ein ebenfalls gewölbter Raum. Über diesem erhebt sich der Turmbau, der außen ebenso breit wie die Kirche ist.

Bilder Kirche

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Belliner Bilder
von Christoph Stier

(dieser Beitrag erschien erstmalig im Belliner Boten, Jahrgang 1, 1/2002)

Wer heute durch das Hauptportal unterhalb des Turmes in die Kirche eintritt, dem öffnet sich der Blick auf Altar und Kruzifix. Die strenge und klare Gliederung des jeweils gewölbten Turmraumes, des größeren Hauptschiffes und des erhöhten Chorraumes mit seiner Apsis richtet auf diese Mitte aus. Schlichtheit und Stille dieser Kirche laden zum Schweigen und zum Schauen ein.

Die dem Betrachter zugewandten Gewölbekappen sowie markante Wandflächen im Mittelschiff sind mit szenischen Darstellungen und Ornamenten reich bemalt Diese in ihren Ursprüngen mittelalterlichen Wandmalereien hängen unmittelbar mit dem Vorhaben zusammen, in Bellin ein Haus der Stille aufzubauen. Sie waren es, die zu dieser Entdeckung führten und den Geist dieses Ortes mit erspüren ließen. Wer diese Malereien betrachten möchte, wird noch ganz andere Belliner Bilder wahrnehmen, sofern er Aufmerksamkeit und Zeit dafür mitbringt.

Die Kirche schmiegt sich in die Hügellandschaft mit ihrer ungewöhnlich schönen Harmonie von Wiesen und Wäldern, Feldern und Baumgruppen hinein. Dort kann es geschehen, daß der Friede der Natur einem wie eine stille Freundlichkeit von segnender Gewalt widerfährt. Bellin ist ein Ort, dessen Wurzeln weit zurückreichen in die Zeit der slawischen Besiedlung und der ersten christlichen Gemeinden in Mecklenburg.

Die Akademiearbeit der Landeskirche lud 1977 zu einer Tagung in der Reihe „Kirchen-Christen-Kunstein. Herr Dr. Rainer-Gerd Baier, Schwerin referierte zum Thema „ Beispiele mittelalterlicher Wandmalerei. Es war selbstverständlich, daß die Exkursion Bellin mit einbezog. Die Teilnehmer der Tagung trafen sich an einem Sonntag im Juni zu Gottesdienst und Andacht in Bellin. Herr Propst i.R. Carl Timm und seine Frau – sie lebten damals im Pfarrhaus – hatten Altar und Kirche mit leuchtenden Sommerblumen aus dem Pfarrgarten über und über geschmückt. Bereits in der Vorbreitungsphase und im Echo auf diese Tagung stand fest: Bellin ist wie kaum ein anderer Ort geeignet, ein Haus für Stille und Studium zu sein. Er bietet dafür geradezu ideale Bedingungen.

Bilder KircheAls in den achtziger Jahren staatlicher Einspruch verhinderte, Pfarrhaus und Stallgebäude als Tagungsstätte auszubauen, mußten die baulichen Prioritäten verändert werden. Es gelang, die Kirche tiefgreifend zu sanieren. Dies war dringend erforderlich. Herr Restaurator Heinz Metzner, damals Wismar, später Naumburg übernahm es, die Wandmalereien zu restaurieren. Er leitete alle Malerarbeiten. Rasch hatte sich herausgestellt, daß die letzte Restaurierung im 19. Jahrhundert die mittelalterliche Fassung stark übermalt hatte. Im Zusammenwirken mit der Denkmalpflege ist daraufhin ein differenziertes Konzept erarbeitet und Schritt  für Schritt verwirklicht worden.

Die romanische Apsis hat wieder ihre mittelalterliche Gestalt erhalten. Reiches, lebendiges Rankenwerk schmückt das Gewölbe. Inmitten vieler Blumen stehen Adam und Eva, ein Hinweis auf Gottes gute Schöfpung und zugleich ein Hinweis auf den Sündenfall von uns Menschen. In rot, weiß und schwarz voneinander abgesetzten Ornamenten leuchten die Gewölberippen in Chorraum und Apsis ebenfalls wieder in ihrer urspünglichen Farbgestalt, damals eingeritzt in den noch frischen Putz.

Im Chorraum erfolgte eine behutsame Angleichung der Fassung aus dem 19. Jahrhundert an die mittelalterlichen Vorlagen. Auffällig ist die Darstellung der Verlobung der Hl. Katharina mit dem Jesuskind. Auf dem Arm seiner Mutter Maria gehalten steckt es den Ring an den Ringfinger ihrer linken Hand. Die Frage drängt sich auf: Bestanden etwa Beziehungen zur Katharinenbruderschaft in Güstrow oder liegen gar in Bellin Wurzeln klösterlichen Lebens?

Es gibt ohne Zweifel eine überraschende Besonderheit im Bildprogramm der Belliner Kirche. Christus, der auf dem Regenbogen und über der Weltkugel thronende Weltenrichter, ist in den östlichen Gewölbefeldern des Hauptschiffes abgebildet. Diese Darstellung ist in der Regel der Apsis vorbehalten. Gab es möglicherweise in frühen Zeiten zwischen Mittelschiff und Chorraum einen Abschluß? Eine zugegeben gewagte These! Das Chorbild von der Hl. Katharina redete dann vor allem zu Ordensleuten. Es ist ohnehin nur im vorderen Teil des Hauptschiffes zu sehen. Die These könnte gestützt werden durch die Wandnischen im Hauptschiff, für die es bisher keine schlüssige Deutung gibt. Könnten sie Sakramentsschreine gewesen sein, die immer nahe bei einem Altar waren? 

Die große Darstellung  des Endgerichts ist im Großen und Ganzen so belassen worden, wie es die Übermalung im 19. Jahrhundert formte. Lediglich der Hintergrund ist aufgehellt und farbig angeglichen worden. Doch eine markante Abweichung von diesem Konzept gibt es. Herr Metzner entdeckte unter den Farbschichten eine Barockfassung, die die Auferstehung einzelner Toten nicht aus Gräbern darstellt. Es sind kleine Schifflein, denen die Auferstandenen entsteigen. Niemand ist wohl bisher in der Lage, dieses Detail überzeugend zu deuten. Ist es eine Anspielung auf die Arche, die Rettung aus dem Untergang? Oder werden mit dieser Darstellung mythologische Vorstellungen aufgegriffen, die im Mittelalter wieder eine Rolle spielten, etwa die Fahrt ins Totenreich über einen Fluß?

Typisch für die Belliner Endgerichtsdarstellung sind die Teufelsgestalten. Einige haben Hahnenkämme und Hahnenfedern, auch Hahnenfüße. Es sind Anspielungen auf die slawische Zeit. Dem Hauptgott Svantevit sind Hahnenopfer dargebracht worden, zur damaligen Zeit wohl eine fortdauernde heidnische Versuchung. Die Botschaft dieses Bildes lautet: Jesus Christus ist allein der Herr (Kol. 1). Er ist der gnädige und gerechte Richter der Lebenden und der Toten. Das Symbol des Regenbogens nimmt in christologischer Deutung Genesis 9 auf. Das Weltgericht bedeutet nicht erneute Vernichtung der Erde. Es bleibt eingebunden in die Welttreue Gottes.  

Ein besonders liebevoll gemaltes Bild ist die Belliner Schutzmantelmadonna. Die gekrönte Maria birgt die betende und singende Gemeinde unter ihrem schützenden Mantel. Diese Art von Mariendarstellungen kommt im 13. Jahrhundert auf. Sie wird vor allem durch Orden verbreitet. Der biblische Anknüpfungspunkt ist das Wort Jesu am Kreuz, mit dem er den Jünger, den er lieb hat, unter den Schutz seiner Mutter stellt und dem er sie als Mutter anbefahl (Joh. 19,26f). Dieser biblische Gedanke verbindet sich mit der Erinnerung an alte Rechtsbräuche. So wurde ein Übeltäter, dem es gelang, unter den Mantel einer fürstlichen Frau zu flüchten, begnadigt. Auch die Annahme an Kindesstatt wurde durch das Einhüllen in den Mantel rechtskräftig.

Gleich neben diesem Bild schreitet Christophorus durch Wasser, in dem sich Fische tummeln. Auf seiner Schulter trägt er das Christuskind. Ikonographisch taucht die Darstellung der Christophoruslegende besonders an Orten unsicherer Wegeverhältnisse und in Sumpfgegenden auf. Dann könnte dieser Heilige ein Hinweis sein auf die nahegelegenen Quellen. Sie werden bereits in heidnischer Zeit eine für Bellin prägende Bedeutung gehabt haben.

Diesen beiden Bildern parallel gegenüber befinden sich noch zwei weitere. Sie stellen zum einen noch einmal Christus als thronenden Weltenrichter in der Mandorla dar. Zum anderen ist wohl ein heiliger Bischof dargestellt. Für eine genauere Deutung ließen sich bisher keine Anhaltspunkte finden.

Wer die Kirche wieder verläßt, bemerkt im rechten Gewölbebogen zum Turmraum eine bereits verblaßte Darstellung vom Erzengel Michael als Seelenwäger. Es bestand wohl eine Beziehung zur Katechumenenkirche im unterenTurmraum. Wahrscheinlich wird dort auch einmal der Taufstein gestanden haben.

Alle Belliner Bilder und die Kirche insgesamt bezeugen: Hier geht es um die großen Lebensthemen, um Schutz und Segen, um Gericht und Gnade, um Leben und Tod. Jesus Christus, der Herr, verheißt Leben.

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